Wer überwacht den Überwacher? 11 unbequeme Fragen an OpenAI

Illustration einer Person vor ChatGPT, die von einem digitalen Auge überwacht wird, während eine Lupe den Überwacher kontrolliert.

Der Fall IBI zeigt, wie OpenAI Chats überwacht, Nutzer zuordnet und Konten sperrt. Was bedeutet diese Macht für uns – und wer kontrolliert sie?

Im August 2026 sperrte OpenAI etliche ChatGPT-Konten. Der Grund: eine mutmassliche russische Einflussoperation rund um ein vermeintlich israelisches Forschungsinstitut. Meine erste Reaktion war Zustimmung. Dann fing ich an, Fragen zu stellen – als jemand, der KI täglich nutzt, mit MentionBee.ai selbst einen KI-Sichtbarkeits-Audit anbietet und Internationale Beziehungen studiert hat. Was mich beschäftigt, ist nicht nur, was OpenAI getan hat. Es ist, was dieser Fall über die Macht des Unternehmens verrät – und darüber, wer diese Macht eigentlich kontrolliert. Dieser Beitrag ist mein Versuch, Antworten darauf zu finden.

Worum geht es im Fall IBI?

Im August 2026 sperrte OpenAI mehrere ChatGPT-Konten, die nach Einschätzung des Unternehmens aus Russland betrieben wurden. Mit ChatGPT erstellten die Verantwortlichen englischsprachige Beiträge für Plattformen wie Telegram, X, Facebook und LinkedIn – und versuchten dabei, ihre russische Herkunft zu verschleiern. Die Beiträge bewarben das angeblich in Israel ansässige International Burke Institute, das sich als seriöse Forschungsorganisation präsentierte, jedoch überwiegend kopierte oder falsch zugeordnete Artikel veröffentlichte. OpenAI wertete das als Teil einer verdeckten Einflusskampagne – eine Einschätzung, die auch Spiegel in einer ausführlichen Recherche aufgriff.

Der Fall wirft jedoch Fragen auf, die weit über diese Kampagne hinausgehen. OpenAI konnte offenbar erkennen, woher die Nutzer vermutlich kamen, welche Absichten sie verfolgten und welche Inhalte sie später auf anderen Plattformen veröffentlichten. Wie genau diese Überwachung funktioniert, welche Nutzerdaten dafür ausgewertet werden und nach welchen Regeln Konten gesperrt werden, erklärt das Unternehmen nur teilweise. Das IBI bestreitet die Vorwürfe; auch OpenAI räumt ein, die Verbindung zwischen den russischen Betreibern, dem Institut und beteiligten Personen in Israel nicht vollständig geklärt zu haben.

Ben Nimmo, Principal Investigator im Intelligence-and-Investigations-Team von OpenAI, warnt allerdings davor, die Wirkung generativer KI bei solchen Kampagnen zu überschätzen. Sein Fazit: «What we see is evolution rather than revolution.» Die Akteure erfänden mit KI keine völlig neue Form der Manipulation, sondern integrierten sie in bekannte Arbeitsabläufe. Ein überzeugender Artikel allein schaffe noch keine Reichweite – ohne Netzwerk erreiche er kaum jemanden.

Das ist eine wichtige Einordnung. Doch Nimmo beschreibt zugleich einen bemerkenswerten Perspektivwechsel: KI verschafft nicht nur Manipulatoren neue Mittel – sie gibt auch den Betreibern der Modelle neue Möglichkeiten, ihre Nutzer zu untersuchen. «What looked like an advantage for threat actors became an advantage for defenders», sagt Nimmo. Aber wer entscheidet, wer in diesem System Angreifer und wer Verteidiger ist?

1. Gegen welche konkrete Regel hat IBI verstossen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort eindeutig: Die mutmasslichen Betreiber verwendeten VPNs, um ChatGPT aus Russland zu nutzen, obwohl Russland nicht zu den unterstützten Ländern gehört. Ausserdem setzten sie ChatGPT für eine verdeckte politische Einflusskampagne ein und versuchten, ihre Herkunft zu verschleiern.

OpenAIs Nutzungsrichtlinien verbieten Täuschung, Betrug, Spam und Identitätsmissbrauch. Ebenfalls untersagt sind politische Kampagnen, Lobbyarbeit sowie die Beeinflussung von Wahlen – ob aus dem Ausland oder im Inland. Wer Schutzmechanismen oder Zugangsbeschränkungen umgeht, kann den Zugang verlieren.

Ganz so eindeutig ist der konkrete Entscheid trotzdem nicht. Im IBI-Bericht erklärt OpenAI nicht, welche Bestimmung genau zu welcher Sperre führte, wie viele Konten betroffen waren und welche Beweise für jedes einzelne Konto vorlagen. Statt eines nachvollziehbaren Urteils erhalten wir die Zusammenfassung der ermittelnden und entscheidenden Instanz – und diese Instanz ist OpenAI selbst.

Besonders weit reicht eine Generalklausel in den Richtlinien: OpenAI behält sich vor, den Zugang zu verweigern, wenn das Unternehmen dies zum Schutz seiner Dienste für notwendig hält. Das ermöglicht schnelles Eingreifen – gibt Betroffenen aber wenig Rechtssicherheit.

2. Wer entscheidet, was als manipulative Einflussnahme gilt?

OpenAI versteht unter verdeckten Einflussoperationen Versuche, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, ohne die wahre Identität der Verantwortlichen offenzulegen. Das klingt plausibel. Doch die schwierige Frage beginnt erst danach: Wann wird aus professioneller Kommunikation Manipulation?

Unternehmen, Parteien, NGOs, Regierungen und PR-Agenturen versuchen täglich, Wahrnehmungen zu prägen – mit zugespitzten Botschaften, koordinierten Veröffentlichungen und strategisch ausgewählten Absendern. Beim IBI kamen laut OpenAI mehrere Täuschungselemente zusammen: eine verschleierte Herkunft, wahrscheinlich unechte Nutzerprofile, kopierte und falsch zugeordnete Fachartikel sowie ein nur scheinbar unabhängiges Institut.

Die Grenze ist erkennbar, aber nicht präzise definiert. OpenAI veröffentlicht weder einen vollständigen Kriterienkatalog noch die Beweisanforderungen oder internen Entscheidungswege. Wir wissen nicht, wie zwei ähnlich gelagerte Fälle miteinander verglichen werden – und ob politische Freund- und Feindbilder bewusst oder unbewusst in die Bewertung einfliessen.

3. Wer überwacht ChatGPT?

Zunächst überwacht OpenAI sein eigenes System. Nach eigenen Angaben setzt das Unternehmen dafür Klassifikatoren, weitere KI-Modelle, Sperrlisten, den Abgleich bekannter Inhalte und menschliche Prüfer ein. Verdächtige Inhalte können automatisch markiert und anschliessend von Mitarbeitenden geprüft werden. Hinzu kommen Meldungen von Nutzern sowie Informationen externer Sicherheitspartner.

Von aussen wird OpenAI unter anderem durch Datenschutzbehörden, Gerichte und Regulierungsstellen kontrolliert. In der EU kommen der Digital Services Act und zunehmend der AI Act hinzu. Für Schweizer Nutzer ist der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte eine mögliche Anlaufstelle.

Eine dauerhaft unabhängige Instanz, die OpenAIs politische Einstufungen oder einzelne Kontosperren systematisch überprüft, gibt es jedoch nicht. Ein grosser Teil der Kontrolle findet innerhalb des Unternehmens statt.

4. Überwacht ChatGPT sämtliche Nutzer und Chats?

Die präzise Antwort lautet: OpenAI kann grundsätzlich alle übermittelten Inhalte automatisiert kontrollieren. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch jeden Chat liest.

«Niemand liest jeden Chat» klingt beruhigend. «Jeder Chat kann maschinell analysiert und bei Auffälligkeiten einem Menschen vorgelegt werden» beschreibt die Situation vollständiger. Wie häufig Menschen tatsächlich auf Chats zugreifen, welche Schwellenwerte eine Prüfung auslösen und wie viele Unterhaltungen davon betroffen sind – das veröffentlicht OpenAI nicht.

Auch wer das Modelltraining deaktiviert, beendet damit nicht sämtliche Analysen. Diese Einstellung verhindert, dass neue Chats zur Verbesserung der Modelle verwendet werden. Kontrollen zur Sicherheit, Missbrauchsbekämpfung und Erfüllung gesetzlicher Pflichten bleiben davon getrennt bestehen.

5. Welche zweite Informationswelt führt OpenAI über seine Nutzer?

Der sichtbare Chat ist nur die Vorderseite von ChatGPT. Dahinter existiert eine zweite Informationswelt: IP-Adresse, ungefährer Standort, Gerät, Zugriffszeiten, verwendete Funktionen, auffällige Anmeldeversuche und Inhalte, die von automatisierten Systemen markiert wurden.

Der IBI-Fall zeigt, wie aussagekräftig diese Ebene sein kann. OpenAI identifizierte russischsprachige Prompts, VPN-Nutzung, Anweisungen zur Verschleierung der Herkunft und Verbindungen zu veröffentlichten Beiträgen auf anderen Plattformen. Das Unternehmen untersuchte also nicht nur, was einzelne Nutzer ChatGPT fragten – es ordnete diese Vorgänge in einen grösseren Zusammenhang ein.

Wie lange solche Untersuchungsdaten gespeichert werden, welche externen Informationen in die Bewertung einfliessen und welche internen Verdachtsprofile dabei entstehen – das legt OpenAI nicht offen.

ChatGPT als Werbekanal: eine neue Dimension

Seit OpenAI Werbung in ChatGPT integriert, erhält diese Datenebene einen kommerziellen Wert. Frühere Chats können bei entsprechender Einwilligung zur Personalisierung von Anzeigen verwendet werden. Selbst für generische Werbung spielen Kontext, Standort, Tageszeit und Gerätetyp eine Rolle.

Das bedeutet nicht, dass Werbekunden unsere Chats lesen können – sie erhalten aggregierte Auswertungen. Trotzdem verändert Werbung den Charakter des Systems: Je genauer ChatGPT Interessen und Absichten seiner Nutzer erkennt, desto wertvoller wird die Plattform für Werbekunden. Aus einem Gesprächspartner wird zumindest teilweise ein Beobachter, der den passenden kommerziellen Moment erkennen soll.

6. Können sich Nutzer wirksam gegen eine Sperrung wehren?

Formal ja. OpenAI stellt ein Beschwerdeformular bereit und verspricht, angefochtene Entscheidungen erneut zu prüfen. Allerdings formuliert das Unternehmen auffällig vorsichtig: «We may notify you with details and reasons for our decision.» OpenAI kann informieren – eine Zusage ist das nicht. Ohne genaue Begründung und Einsicht in die belastenden Informationen lässt sich eine Entscheidung kaum sinnvoll anfechten.

Mein Vertrauen in solche Beschwerdewege ist begrenzt – und das aus eigener Erfahrung. Ein grosser amerikanischer KI-Anbieter verrechnete mir über 2’500 Dollar ungerechtfertigte API-Nutzungskosten. Ich konnte die haltlosen Abbuchungen lückenlos belegen und erhielt das Geld schliesslich per Chargeback zurück. Drei Tage später war mein Account gesperrt – Begründung: «An internal investigation of your account indicates ongoing suspicious patterns, which violate our Usage Policy. As a result, we have revoked your access.» Keine Möglichkeit zur Stellungnahme, keine Eskalation, kein Gehör. Wer erfolgreich Geld zurückfordert, gilt offenbar als verdächtig.

Darin scheinen sich viele grosse amerikanische Plattformen zu gleichen. Im Juli 2025 sperrte Meta den Instagram-Account von Saferparty.ch – ausgerechnet kurz vor der Street Parade, als die Präventionsstelle der Stadt Zürich dort nicht mehr vor gefährlichen Substanzen warnen konnte. 20 Minuten berichtete über den Fall; Saferparty.ch schilderte die Schwierigkeiten bei der Wiederherstellung. Weil die Schweiz nicht zur EU gehört, konnte sich die Stadt nicht auf das Beschwerdesystem des Digital Services Act stützen.

Wenn selbst eine städtische Präventionsstelle Mühe hat, einen offenbar widersinnigen Plattformentscheid überprüfen zu lassen: Welche realistische Chance hat dann ein einzelner Nutzer, dessen ChatGPT-Konto aufgrund einer internen Risikoanalyse gesperrt wurde?

7. Wer bestimmt OpenAIs Regeln – und wer kontrolliert ihre Anwendung?

Die täglichen Regeln entstehen in OpenAIs Rechts-, Policy-, Integrity- und Sicherheitsteams. Die oberste Unternehmensgewalt liegt formal bei der OpenAI Foundation, die die gewinnorientierte OpenAI Group PBC kontrolliert. Microsoft hält rund 27 Prozent der Anteile, besitzt aber nicht formal die oberste Kontrolle.

Interne Aufsicht statt unabhängiger Kontrolle

Für Sicherheitsfragen existiert ein Safety and Security Committee – das jedoch selbst zur OpenAI-Struktur gehört und an das eigene Board berichtet. Das ist interne Governance, keine unabhängige Aufsicht.

Interessant ist auch die personelle Zusammensetzung: Im Board sitzt mit Paul Nakasone ein ehemaliger Direktor der National Security Agency und früherer Leiter des US Cyber Command. Das ist nicht automatisch problematisch – es zeigt aber, wie eng KI-Sicherheit, Unternehmensinteressen und amerikanische Sicherheitspolitik inzwischen beieinanderliegen.

Auf dem Papier kontrolliert die gemeinnützige Foundation den kommerziellen Konzern. In der Praxis bleibt für Aussenstehende schwer erkennbar, wer bei einer politisch heiklen Sperrentscheidung das letzte Wort hat: Ermittler, Juristen, Sicherheitsteams, die Geschäftsleitung oder das Board.

8. Gelten dieselben Regeln auch für amerikanische Machtzentren?

Das lässt sich anhand öffentlich zugänglicher Informationen nicht überzeugend beantworten. OpenAI hat wiederholt Operationen aus Russland, China, Iran und Israel öffentlich gemacht. Reuters berichtete 2024, dass OpenAI fünf solche Einflussoperationen gestoppt hatte. Einen vergleichbar detaillierten Bericht über ein amerikanisches Partei-, Regierungs- oder Lobbynetzwerk findet man wesentlich schwerer.

Das beweist keine politische Bevorzugung. Es kann bedeuten, dass OpenAI keine vergleichbare amerikanische Operation gefunden hat – oder dass inländische Akteure schlicht anders arbeiten. Überprüfen lässt sich das von aussen nicht.

Dass amerikanische Politik KI für mindestens irreführende Kommunikation nutzt, ist belegt: Die Associated Press dokumentierte ein KI-generiertes Video der Republikaner, das Senator Chuck Schumer scheinbar eine Aussage machen liess, die ursprünglich aus einem Printinterview stammte – als KI-generiert gekennzeichnet, aber dennoch irreführend.

Die entscheidende Frage lautet: Würde OpenAI gegen ein mächtiges amerikanisches Wahlkampfteam, eine Regierungsbehörde oder einen Grosskunden ebenso konsequent und öffentlich vorgehen wie gegen ausländische Akteure?

9. Nach welchen Kriterien entscheidet OpenAI, welche Länder ChatGPT nutzen dürfen?

OpenAI veröffentlicht eine lange Liste unterstützter Länder – aber kein nachvollziehbares Entscheidungsmodell dafür. Vermutlich spielen mehrere Faktoren zusammen: US-Sanktionen und Exportkontrollen, lokale Gesetze, Risiken militärischer Nutzung, Zahlungswege, Betrugsrisiken und die wirtschaftliche Attraktivität eines Marktes.

Bei Russland ist die Unterscheidung besonders wichtig. Weitreichende Sanktionen treffen russische Personen, Organisationen und Banken – daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Bereitstellung eines Chatbots an jeden russischen Bürger verboten wäre. OpenAI erklärt nicht, welcher Teil des Ausschlusses gesetzlich zwingend ist und welcher auf einer freiwilligen Geschäftsentscheidung beruht.

Eine Länderliste ohne veröffentlichte Aufnahmekriterien ist letztlich keine transparente Regel – sondern das Ergebnis eines nicht einsehbaren Entscheidungsprozesses.

10. Könnte die US-Regierung OpenAI dazu bringen, Europa auszuschliessen?

Nicht durch eine beiläufige Äusserung und normalerweise nicht von einem Tag auf den anderen. Für einen rechtlichen Zwang wären Sanktionen, Exportkontrollen oder andere staatliche Anordnungen erforderlich. Technisch wäre eine Sperre Europas problemlos möglich – rechtlich und wirtschaftlich wäre sie jedoch enorm folgenreich. Privatkunden im EWR und in der Schweiz haben ihre Verträge mit OpenAI Ireland; europäische Behörden könnten eingreifen.

Wie amerikanische Konzerne auf politischen Druck reagieren

Dass amerikanische Techkonzerne ganze Regionen ausschliessen, ist keine Theorie. Apple führte seine KI-Version von Siri 2026 zunächst nicht in der EU ein – angeblich wegen regulatorischer Unsicherheit, tatsächlich wohl auch als Druckmittel gegen europäische Digitalregeln. Rund hundert Millionen iPhone-Nutzer wurden so zu Beteiligten in einem Konflikt zwischen Konzern und Behörden.

Noch deutlicher wurde die Anpassungsbereitschaft beim «Lake America»: Nachdem Trump den Lake Ontario umbenannt hatte, übernahmen Google und Apple die Bezeichnung für amerikanische Nutzer. US-Innenminister Burgum erklärte, Trump habe Apple persönlich kontaktiert, um die Änderung durchzusetzen – und Apple habe geliefert.

Die jüngste Vergangenheit zeigt, wie rasch sich amerikanische Grosskonzerne politischen Vorgaben aus Washington anpassen – von Kartennamen bis zum Abbau von Gleichstellungsprogrammen. Warum sollte ein solcher Druck beim Zugang zu KI-Systemen grundsätzlich wirkungslos bleiben?

Die ehrliche Kurzantwort: Eine plötzliche Sperre Europas ist sehr unwahrscheinlich. Grundsätzlich unmöglich ist sie nicht.

11. Ist es verantwortbar, unser Wissen und unsere Arbeit von OpenAI abhängig zu machen?

ChatGPT ist längst mehr als ein gelegentlich benutzter Chatbot. Menschen speichern darin Recherchen, persönliche Überlegungen, Kundendaten, Texte, Programmcode und ganze Arbeitsprozesse. Wird ein Account gesperrt, fällt nicht nur ein Werkzeug aus – unter Umständen verschwindet der Zugang zu einem über Jahre aufgebauten Arbeitsgedächtnis.

OpenAI verspricht weder ununterbrochenen Betrieb noch dauerhaft unveränderte Bereitstellung. Dazu kommen weitere Risiken: falsche Antworten, sensible Daten in Chats, menschliche Sicherheitsprüfungen, behördliche Herausgabeverlangen, veränderte Preise und mögliche politische Einflussnahme.

Die vernünftige Konsequenz ist für mich nicht, ChatGPT nicht mehr zu verwenden – dafür ist das System zu hilfreich. Die Konsequenz ist ein bewussterer Umgang mit dieser Abhängigkeit:

  • Keine besonders sensiblen Informationen ungeprüft eingeben.
  • Wichtige Chats und Arbeitsergebnisse regelmässig exportieren.
  • Zentrale Arbeitsprozesse nicht vollständig von einem Anbieter abhängig machen.
  • Zwischen Modelltraining und Sicherheitsüberwachung unterscheiden.
  • Wichtige Aussagen anhand unabhängiger Quellen überprüfen.
  • Für Unternehmen klare interne Regeln für die Nutzung von KI schaffen.

Wer kontrolliert den Kontrolleur?

Ben Nimmo und sein Team haben mit der Untersuchung des IBI-Falls einen wahrscheinlich nützlichen Beitrag zur Aufdeckung einer mutmasslichen Einflusskampagne geleistet. OpenAI veröffentlicht dabei mehr Informationen als viele andere Technologieunternehmen über ihre Sicherheitsarbeit – das verdient Anerkennung.

Doch Transparenz über ausgewählte Ermittlungsergebnisse ist nicht dasselbe wie Transparenz über das Ermittlungssystem selbst. Wir erfahren, was OpenAI gefunden haben will. Wesentlich weniger erfahren wir darüber, wie die Untersuchung ausgelöst wurde, welche Daten zusammengeführt wurden und welche Möglichkeiten Betroffene haben, falsche Schlussfolgerungen korrigieren zu lassen.

Wir wollen zu Recht, dass OpenAI seine Plattform vor Manipulation schützt. Aber wir sollten nicht akzeptieren, dass ein privates Unternehmen dabei weitreichende Überwachungs- und Sanktionsmacht ausübt, ohne selbst vergleichbar transparent kontrolliert zu werden.

Denn am Ende bleiben drei unterschiedliche Fragen: Wer überwacht ChatGPT? Wer wird durch ChatGPT überwacht? Und wer kontrolliert OpenAI?

Der Fall IBI beantwortet die ersten beiden zumindest teilweise. Auf die dritte Frage fehlt weiterhin eine überzeugende Antwort.


Stand: 4. September 2026. Dieser Beitrag unterscheidet zwischen den von OpenAI veröffentlichten Erkenntnissen, der Berichterstattung unabhängiger Medien und der persönlichen Einschätzung des Autors. Die Vorwürfe gegen das IBI werden von diesem bestritten.

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